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Fabian Herling
Juli 11, 2025
Fußball
Fabian Herling
Juli 11, 2025
Toni di Salvo über U21-EM: "Habe das Gefühl, dass etwas unvollendet geblieben ist"
Antonio di Salvo ist seit 2021 Cheftrainer der deutschen U21-Nationalmannschaft. In seinem ersten Interview nach der EM spricht er über sein Turnierfazit, die Gefühlslage nach dem verlorenen Finale – und die Diskussionen um Nick Woltemade.
Credit: Imago
- U21-Bundestrainer Antonio di Salvo in seinem ersten Interview nach der U21-Fußball-EM
- di Salvo: "Habe das Gefühl, dass etwas unvollendet geblieben ist"
- DFB-Team: Antoino di Salvo über sein Turnierfazit, seine Gefühlslage und Nick Woltemade
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Sports Illustrated: Die U21-EM und die unglückliche Niederlage im Finale gegen England liegen mittlerweile etwa zwei Wochen zurück. Haben Sie das Turnier schon verdaut?
Antonio di Salvo: Ich bin noch mitten in der Verdauungsphase. So ein Turnier markiert ja nicht nur ein sportliches Ende, sondern auch einen Abschluss von zwei intensiven Jahren voller Arbeit, Erinnerungen und Emotionen. Das steckt noch in mir. Gerade weil es für uns bis ins Finale ging und das Spiel extrem intensiv war. Natürlich wollten wir das Endspiel gewinnen – das haben wir nicht geschafft. Deshalb sitzt das alles noch tief.
Sports Illustrated: Wie läuft so eine Aufarbeitung ab?
di Salvo: Tatsächlich musste ich für dieses Interview gerade unsere Nachbereitungsrunde unterbrechen (lacht.) In den ersten Tagen nach dem Turnier habe ich mir bewusst Zeit für mich genommen – einfach, um alles sacken zu lassen. Danach haben wir im Trainerteam begonnen, erste Punkte aufzuarbeiten. Kommende Woche setzen wir uns nochmal zwei, drei Tage zusammen und analysieren das Turnier im Detail – vor allem aus sportlicher Sicht. Dabei geht es nicht nur um das Spiel auf dem Platz, sondern auch um Trainingsvorbereitung, Besprechungsformate, die Zusammenarbeit mit den Spielern. Aber auch Medienarbeit, Organisation – alle Abteilungen liefern ihre Nachbetrachtung.
Sports Illustrated: Wie kommen Sie persönlich runter?
di Salvo: Nach fast sechs Wochen unterwegs genieße ich die Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern zu Hause. Trotzdem brauche ich auch Zeit für mich. Die finde ich vor allem beim Joggen, das hilft mir beim Reflektieren. Jeden Tag eine Dreiviertelstunde laufen, dabei kommen die Gedanken von selbst. Ich spreche auch viel – mit meiner Familie, engen Vertrauten und natürlich dem Trainerteam beim DFB.
Sports Illustrated: Was hat im Finale gegen England gefehlt?
di Salvo: England ist eine Top-Mannschaft – das wurde uns nochmal deutlich vor Augen geführt. Nach einer schwachen Anfangsphase hätten wir auch 0:3 zurückliegen können. Aber wir haben es geschafft, zurückzukommen. Die Statistiken sprachen am Ende sogar leicht für uns. Dennoch: Diese ersten 30 Minuten müssen wir aufarbeiten. Unser Plan war es, früh zu pressen – ähnlich wie gegen Frankreich, wo wir Erfolg hatten. Darauf hatte England allerdings eine sehr gute Antwort. Wir hätten schneller auf Kompaktheit umstellen müssen. Wir haben zwar reagiert, aber die Mannschaft war so konzentriert darauf, ihre Fehler zu korrigieren, dass sie kaum zu erreichen war. Da waren wir einen Tick zu spät dran.
Krönung verpasst: Antonio di Salvo nach dem verlorenen EM-Finale neben dem Pokal
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Überwiegt mit etwas Abstand die Enttäuschung oder der Stolz?
di Salvo: Gerade überwiegt noch das Gefühl, dass etwas unvollendet geblieben ist. Ein Finale willst du einfach gewinnen. Aber mit etwas Abstand schleicht sich auch Stolz ein. Die Mannschaft hat Werte verkörpert – Liebe zum Spiel, Teamgeist, Herzblut. Das hat die Zuschauer erreicht, vor dem Fernseher wie im Stadion. Wenn wir damit jüngeren Fans etwas mitgeben konnten, freut mich das sehr.
Sports Illustrated: Sind das die Tugenden, die Ihre Mannschaft am meisten ausgezeichnet haben?
di Salvo: Unter anderem. Ohne fußballerische Qualität geht allerdings gar nichts. Aber der Teamgeist war herausragend. Jeder kannte seine Rolle. Auch die, die nicht gespielt haben, standen voll hinter der Mannschaft und haben von außen Energie eingebracht. Viele Spieler kannten sich seit der U15 oder U16 und wollten die gemeinsame Reise möglichst positiv beenden.
Sports Illustrated: Wie haben Sie die Diskussion um den möglichen Wechsel von Nick Woltemade vor dem Finale erlebt? Hat das die Mannschaft gestört?
di Salvo: Nicht wirklich. Wenn, dann hat es Nick selbst beschäftigt. Ich habe mit ihm allerdings vor dem Spiel gesprochen. Er sagte mir, dass die Gespräche im Hintergrund schon länger liefen und er mit dem Kopf nur beim Finale sei. Damit war es für mich abgehakt. Solche Themen gehören zum Geschäft. Diese Geschichte war nicht der Grund für die Niederlage. Trotzdem ist es schade, wenn vor einem Finale mehr über Transfergerüchte gesprochen wird als über das Spiel.
Störfeuer: Vor dem Finale erschwerten Diskussionen um einen möglichen Woltemade-Wechsel zum FC Bayern die Vorbereitung
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Ein Ziel der U21 ist ja auch, Spieler auf die A-Nationalmannschaft vorzubereiten. Haben Sie da ein paar Namen im Kopf?
di Salvo: Da möchte ich Julian Nagelsmann nicht vorgreifen – wir haben aber kürzlich über fast jeden Spieler aus dem Kader gesprochen. Ich bin sicher, dass einige Jungs in den nächsten Jahren gute Chancen auf eine Nominierung haben. Jetzt geht es darum, diesen positiven Schwung der EM mit in die Vereine zu nehmen und dort konstant Leistung zu bringen. Dann wird Julian an ihnen nicht vorbeikommen.
Sports Illustrated: Wenn Sie dem Turnier eine Schulnote geben müssten – welche wäre das?
di Salvo: Wenn man im Finale steht, knapp verliert und sogar Chancen hatte, das Spiel zu gewinnen, dann ist das nahe an einer Eins. Wir haben die Mannschaft weiterentwickelt, sie konnte sich zeigen, auch für höhere Aufgaben empfehlen. Und wir haben viele Menschen in Deutschland mitgenommen. Deshalb: eine sehr gute Note.
Sports Illustrated: Jetzt steht ein Neuaufbau an, viele Spieler aus dem EM-Kader sind zu alt für die U21, Sie müssen eine neue Mannschaft zusammenstellen. Wie viel Kraft kostet das?
di Salvo: Es ist immer ein bisschen traurig, wenn klar ist: Das war das letzte Spiel mit diesem Jahrgang. Aber die Vorfreude überwiegt. Der neue Kernjahrgang 2004/2005 ist spannend. Für mich startet jetzt ein Prozess: Welche Ideen kann ich umsetzen? Welches System kann ich mit diesen Spielern spielen? Wie wird sich die Mannschaft präsentieren?
Sports Illustrated: Wie starten Sie so einen Neuaufbau?
di Salvo: Viele Spieler aus den Jahrgängen 2004/2005 kenne ich schon, sieben aus dem aktuellen Kader bleiben dabei. Ich tausche mich mit Hannes Wolf (U20-Trainer), Hanno Balitsch (U19-Trainer) und Christian Wörns (U18-Trainer) aus, wir stellen gemeinsam einen erweiterten Kader von 30, 40 Spielern zusammen. Bis zur ersten Maßnahme im September muss ich dann auf 20 Feldspieler und drei Torhüter reduzieren.
Sports Illustrated: Tragen die Spieler aus dem EM-Kader, die dabeibleiben werden, jetzt automatisch mehr Verantwortung?
di Salvo: Definitiv. Sie kennen die Abläufe, meine Prinzipien und Werte – sie müssen jetzt vorangehen. Aber es gibt auch andere Spieler aus diesen Jahrgängen, die bislang gefehlt haben – wie zum Beispiel Finn Jeltsch oder Aljosha Kemlein – und jetzt dazustoßen.
Antonio di Salvo gibt an der Seitenlinie die Richtung vor
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Wie gehen Sie damit um, wenn Leistungsträger kurzfristig zur A-Nationalmannschaft abgezogen werden?
di Salvo: Das gehört zu meinem Job. Natürlich will man als Trainer die besten Spieler dabeihaben. Aber wenn einer den Sprung nach oben schafft, ist das auch unser Erfolg. Deshalb ist kein Platz für Egoismus. Manchmal kann es für Spieler, die schon bei der A-Nationalmannschaft waren und dann eine schwächere Phase hatten, auch sinnvoll sein, nochmal eine Zeit bei uns dabei zu sein. Wichtig ist: Die U21 ist immer für die Jungs da.
Sports Illustrated: Wie groß ist Ihr Einfluss auf die Entwicklung der Spieler?
di Salvo: Die Vereine leisten den Großteil, das ist klar. Aber wir setzen Impulse – durch andere Spielansätze, neue Trainingsformen, Gespräche. Unsere Jungs sind alle in einem ähnlichen Alter, sie müssen Verantwortung übernehmen, wenn sie bei uns sind. Das fördert ihre Entwicklung.
Sports Illustrated: Wie blicken Sie auf die Nachwuchsförderung in Deutschland insgesamt?
di Salvo: Wir sind wieder auf einem guten Weg. Vor ein paar Jahren waren die Einsatzzeiten der U21-Spieler in den Vereinen deutlich schlechter als bei anderen Top-Nationen. Jetzt spielen viele junge Spieler wieder regelmäßig. Wir haben in den letzten Jahren beim DFB vieles angestoßen, aber es ist zu früh, um von Ergebnissen zu sprechen. Dennoch: Die Richtung stimmt.
Sports Illustrated: Als U21-Nationaltrainer arbeiten Sie in Zwei-Jahres-Zyklen mit der EM als Abschluss und großes Ziel. Wie ist das für Sie?
di Salvo: Es ist anders als im Verein, fällt mir aber nicht schwer. Schon im jeweils ersten Jahr steht die EM-Qualifikation an – das ist ein klares Ziel. Wenn wir zusammen sind, fühlt es sich wie ein Trainingslager mit Pflichtspielen an. Intensiv, fokussiert – aber sehr reizvoll. Gerade auch, weil man alle zwei Jahre gefordert ist, sich auf eine neue Mannschaft einzulassen.
Sports Illustrated: Sie gelten als empathischer Trainer. Wie bauen Sie schnell eine Verbindung zu neuen Spielern auf?
di Salvo: Indem ich ehrlich bin. Ich kommuniziere viel – nicht nur während der Lehrgänge, sondern auch davor und danach. Ich besuche die Spieler, rufe an, gebe Feedback. Ich spreche Lob aus, aber auch unangenehme Wahrheiten – immer mit dem Ziel, den Spieler besser zu machen. Und ich glaube, die Jungs merken schnell, dass das ernst gemeint ist.
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