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Stefan Wagner

Juni 20, 2025

Tischfussball

Stefan Wagner

Juni 20, 2025

Beste Tischfußballspielerin der Welt: Darum ist Linh Tran so erfolgreich

Linh Tran ist die erfolgreichste Tischfußballspielerin der Welt. Im Gespräch spricht sie über den Weg vom Irish Pub an die Weltspitze, mentale Stärke am Kickertisch – und warum ihr Zopf immer gleich lang sein muss.

Linh Trah

Credit: Imago



 

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Die kleine weiße Kugel sieht unschuldig aus, wie sie da auf dem grün lackierten Spielfeld liegt. Doch plötzlich wird sie zur Tatwaffe: Mit ihren Stürmerfiguren schiebt Linh Tran den Ball ein paar Zentimeter nach links, dann nach rechts, dann nach links, dann wieder zurück. Sie starrt auf den gegnerischen Torwart und die Verteidiger. Noch mal kurz nach links.

Dann zuckt ihre Hand am Griff der Drehstange. Die Bewegung kaum wahrnehmbar. Der Ball knallt mit einem lauten Krachen ins Tor. "Yes!" Tran ballt die Faust! Als Zuschauer wünscht man sich eine Zeitlupe, denn gesehen hat man gar nichts. Das gilt auch für Trans Gegenspieler. Zum Glück ist dies nur ein Trainingsspiel. "Gleich noch mal", sagt sie und wiederholt den Schuss.

Linh Tran ist die beste Tischfußballspielerin der Welt. Sie ist achtfache deutsche Meisterin und mehrfache Weltmeisterin. Ende Juni tritt die Hamburgerin bei der WM in Spanien an, um ihren Titel zu verteidigen. Die 29-Jährige ist eine der wenigen Profispielerinnen des Sports, sie lebt von Turnieren, Sponsoren, Keynotes, Coachings, Firmenevents, betreibt einen YouTube-Kanal ("Foosball with Linh").

Mit ihren Erfolgen holt Tran den Zeitvertreib aus den Kneipen und Hobbykellern, macht das Kickern attraktiver, jünger – und weiblicher. Drei bis fünf Stunden am Tag steht Linh Tran am Tisch. Einem 90 Kilo schweren Universum mit 0,85 Quadratmetern Spielfläche, acht Drehstangen und den daran befestigten 22 Figuren, "Puppen" genannt. Sie übt Schüsse mit Namen wie Walking Jet, Pinshot, Pullshot oder Slingshot. "Ich führe den genau gleichen Schuss ein paar Hundert Mal aus", sagt Tran, "so lange, bis ich an dem Punkt bin, dass wirklich jeder ins Tor geht."

Dazu kommt Krafttraining: Kreuzheben, Bankdrücken, Core-Übungen, Handgelenke stärken.Große Turniere gehen schon mal über zwölf Spiele und zehn Stunden – wenn man bis ins Finale kommt. "Ich stehe mit höchster Anspannung vornübergebeugt am Tisch. Das ist superanstrengend, darauf muss ich meinen Körper vorbereiten." Bei Videoanalysen studiert sie ihre Gegnerinnen, ihr Mentaltrainer mit Tennishintergrund stellt sie auf Drucksituationen im Spiel ein.

"Es ist alles Psychologie", sagt Linh Tran, "die Topspieler sind natürlich fantastische Techniker. Aber beim Turnier zählt letztlich die mentale Stärke. Sie entscheidet darüber, wer Sieger oder Verlierer wird." Tischfußball ist etwa so wie Fußball, nur dass es eigentlich ständig Elfmeter- oder Freistoßsituationen gibt: Der Torhüter versucht, die Stürmer zu "lesen". Die Stürmer versuchen, den nächsten Move der Verteidigerreihe vorauszudenken, aus Bewegungsmustern Schlüsse zu ziehen. Aus der Stürmerreihe fallen 90 Prozent der Tore, die "Mittelpuppe", also der Mittelstürmer, hat "eine magische Bedeutung".

Linh Tran im Flow – zwischen Schweigen, Schweiß und Schach-Mindset

Jetzt im Training im Kickerzentrum Kixx in Hamburg, bindet Linh Tran sich ihr Glücksbringer-Halstuch um die Stirn. Sie trägt es bei jedem Turnier. Früher war es mal rot, meint sie, aber jetzt ist es pink. "Keine Angst, das ist kein Statement", grinst sie, "ist nur verwaschen." An 18 Tischen klackern die Bälle, es ist "Doubles Night", 72 Spieler versuchen, mit Ziehern, Schiebern, Quetschern, Abrollern die Gegner plattzumachen. Kaum einer spricht, die Konzentration ist spürbar, greifbar. An Tisch 1, an dem Linh Tran spielt, ist eine Zuschauertribüne installiert, Kameras übertragen das Spiel in den daneben gelegenen Kneipenraum. Auf roten Sesseln sitzen Kickerfans und diskutieren über Pinshots, Druckpunkte und Impulse.

"Ich überlasse bei wichtigen Spielen möglichst wenig dem Zufall", sagt Linh Tran in einer Pause zwischen den Spielen, die sie als Trainingseinheiten nutzt. "Meine Sporttasche packe ich immer am Vorabend und aufs Penibelste identisch. Mit einem Mikrofasertuch wische ich Flecke von der Platte. Mein Zopf muss immer gleich lang sein. Wegen des Gefühls am Kopf und des Gewichts der Haare im Nacken. Vielleicht ein bisschen komisch, aber ich will alles, was ich kontrollieren kann, zu 100 Prozent beeinflussen."

Sie sagt: "Tischfußball ist ein bisschen wie Tennis, ein Duell. Der Unterschied ist, dass man beim Kickern so nahe zusammensteht, dass man den Schweiß der Gegnerin riecht, die Äderchen in den Augen sieht und den Atem spürt. Man merkt an Ticks und Marotten, wer unsicher ist, da nimmt man auch die kleinste Emotion wahr." Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der kleinste Fehler ausgenutzt wird. Manche Gegnerinnen und Gegner versuchen, mit unfairen Mitteln zu arbeiten, am Tisch zu rütteln, ihn gar ein wenig über die Stangen anzuheben. Sie seufzen, nerven mit Marotten, verzögern, versuchen, Linh Tran zuzuquatschen. "Sweettalken nennen wir das", sagt sie. "Die wollen einfach meinen Flow unterbrechen, mich stören, Psychospielchen eben." Linh grinst. "Ein Pokerface zu haben, ist ein echter Wettbewerbsvorteil." Das hat sie schon von früh an trainiert. In ihrer Jugend spielte sie erfolgreich Schach. Spezialität: Hochgeschwindigkeitsschach.

Bei einem Irish-Pub Besuch in Hamburg kam die gebürtige Hessin vor einem guten Jahrzehnt mit Tischfußball in Kontakt. „Es hat sofort geklickt“, blickt sie zurück. „Das Tempo, die absolute Konzentration, die technische Finesse. Das war mein Ding.“ Sie spielt jedes Jahr mehr, tritt einem Verein bei, feiert einen Erfolg nach dem anderen. Vor drei Jahren entscheidet sie sich, ihren Job als Verkäuferin bei Apple aufzugeben – und nur noch zu kickern. Tischfußball ist rasend schnell. Das weiß man, wenn man es schon einmal ausprobiert hat. Die Spieler drehen an den Stangen – kein Kurbeln erlaubt! – sie müssen flink den Ball passen, gucken, wie der Gegner steht, eine Lücke finden und dann überraschend und hart schießen. Ziehen Top-Spieler ab, wird der Ball bis zu 60 Stundenkilometer schnell. „Das Geräusch, das der Ball hinten an der Prallplatte macht, wenn er im Tor einschlägt, ist der sexy Sound überhaupt, es gibt wenig Geileres“, sagt ein bärtiger Feierabendspieler während der Doubles Night im Kixx. Kickertische stehen in Kneipen, Jugendzentren, Vereinen, Schulen. Immer mehr Unternehmen, die sich modern und locker geben wollen, stellen Tische in Gemeinschaftsbereiche und Meetingräume. Etwa eine Million Menschen in Deutschland spielen als Hobby, es gibt 300 Vereine.

Ihr Ziel: Gegen die Besten der Welt – nicht nur der Frauen

Beim Tischfußball sind die Deutschen Weltklasse. Mick Kunath ist Bundestrainer der Frauennationalmannschaft – und ein großer Fan von Linh: „Sie ist die beste Spielerin der Welt, weil sie immer genau dieses eine Ziel hatte: die beste Spielerin der Welt zu werden.“ Sie gebe immer alles. Was den Unterschied zu ihren Konkurrentinnen mache? „Ihre innere Stärke. Linh ist beim Training sehr diszipliniert und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.“ In ihrem Büro hat Linh ihre Pokale aufgereiht, hier dreht sie auch die Videos, in denen sie ihre Tricks erklärt. Sie schaut nachdenklich aus dem Fenster auf die Elbe. „Wenn ich spiele, werde ich zu einer anderen Person“, sagt sie. „Ich werde ganz still. Ganz stark. Ganz ruhig. Fast schon ein wenig unheimlich, diese Ruhe. Aber wenn nötig, kann ich blitzschnell zuschlagen. Am Tisch werde ich zur Löwin.“

Wenn Linh Tran in wenigen Wochen im spanischen Saragossa antritt, um ihren Titel als weltbeste Spielerin zu verteidigen, kommen ihre Hauptgegnerinnen aus Rumänien, Österreich, den USA und Frankreich. Doch ihr Ziel ist größer: nicht nur bei den Frauen die Beste zu sein, sondern auch in der offenen Klasse, im Wettkampf mit den Männern. Tischfußballgeschichte schreiben eben. So als würde Alexandra Popp gegen Lionel Messi antreten wollen „Klar haben die Männer körperliche Vorteile. Sie sind größer, haben bessere Hebel, die Schüsse sind härter. Aber von der Psyche her sind wir Frauen mindestens gleichwertig.“ Bei einigen großen Turnieren, zum Beispiel in den USA, in Las Vegas, hat sie schon die offene Klasse gewonnen. „Geht schon“, meint Linh Tran. „Früher haben mich manche Männer vor dem Spiel belächelt. Heute lächelt keiner mehr. Ich habe mir ihren Respekt erkämpft.“ In den offenen Weltranglisten stehen derzeit nur männliche Spieler an der Spitze. Tran lächelt fein. "Im letzten Satz fehlt übrigens ein Wort", sagt sie. Welches? "Das Wort ‚noch‘!"


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